Beitrag der Kategorie News aus der Pflege

Mehr Sachsen bekommen Geld für die Pflege

Nach 100 Tagen Pflegereform zieht der Medizinische Dienst eine positive Bilanz – mit einer Ausnahme.

 

wenigstens-einen-loeffel-fuer-demente-ist-selbst-essen-1978765h

Wenn der Pflegegutachter vor der Tür steht, haben viele Angst, aber auch große Erwartungen: Wird die Pflegebedürftigkeit ausreichen, um Geld von der Kasse zu bekommen? Dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) zufolge haben jetzt sogar mehr Pflegebedürftige Anspruch darauf. Grund dafür ist die Pflegereform, die seit Januar gilt. Am Freitag zog der MDK in Berlin eine erste Bilanz des neuen Gesetzes.

Danach beziehen nun rund 9 000 Sachsen erstmals Leistungen aus der Pflegeversicherung – sie wären vorher leer ausgegangen. Knapp 130 000 Antragsteller sind es in der gesamten Republik. 42 Prozent der neu Leistungsberechtigten wurden in den Pflegegrad zwei und 36 Prozent in Pflegegrad eins eingestuft. 15 Prozent konnten Leistungen für Pflegegrad drei beanspruchen. In Sachsen gingen in den ersten drei Monaten dieses Jahres auch 27 Prozent mehr Anträge auf eine Pflegebegutachtung ein als 2016, sagt Daniela Gottfried-Brüschke, Sprecherin des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Sachsen. Deutschlandweit waren es 31 Prozent mehr.

Die Pflegebedürftigkeit wird jetzt nach einem neuen Verfahren ermittelt. Es zählt der Grad der Selbstständigkeit, nicht nur der Zeitaufwand für die Pflege. „Davon profitieren besonders Demenzkranke“, sagt Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Denn die Demenzkranken seien zumindest am Anfang oft körperlich noch fit, jedoch in ihren geistigen Leistungen eingeschränkt oder zeigten ein belastendes Verhalten. „Das wird jetzt besser berücksichtigt.“

Geduld ist gefragt

Das ist auch eine Herausforderung für die Krankenkassen. Die AOK Plus hat für 2017 knapp 270 Millionen Euro mehr eingeplant. Mit diesem Geld könnten bis zu 1 000 neue Pflegestellen in Sachsen geschaffen werden. Außerdem bekommen 3 100 Versicherte erstmals Pflegeleistungen. Rainer Striebel, Vorstandsvorsitzender der AOK Plus, bezeichnet die neue Pflegebegutachtung als gerechter und näher an der Wirklichkeit. Die Pflege im Minutentakt sei damit endlich vorbei.

Aufgrund der vielen Anträge müssen Versicherte aber oft länger auf einen Termin mit dem Gutachter warten. Vier bis acht Wochen seien möglich, so Peter Pick. Für dringliche Fälle gebe das Gesetz Fristen vor, in denen alles – vom Antrag bis zum Leistungsbescheid – erledigt sein muss. So gelte für Pflegebedürftige beim Übergang vom Krankenhaus oder von der Reha-Einrichtung in die Pflege eine Ein-Wochen-Frist. Das heißt: Innerhalb von einer Woche stellt ein Gutachter die Pflegebedürftigkeit fest und die Pflegekasse erteilt einen entsprechenden Leistungsbescheid. Diese Ein-Wochen-Frist gilt auch für Pflegebedürftige, die in der Palliativpflege sind.

Wenn Angehörige eine Pflegezeit beantragen, müsse innerhalb von zwei Wochen der Leistungsbescheid vorliegen. Wer erstmals einen Antrag auf Heimpflege oder Hilfe durch einen ambulanten Pflegedienst stellt, muss innerhalb von 25 Arbeitstagen Antwort bekommen. Diese Zeitspannen würden überwiegend, aber nicht immer eingehalten, wie Pick erklärt. Auf den Leistungsanspruch habe die Verzögerung aber keinen Einfluss, sie gelte ab dem Tag der Antragstellung. „Die Leistungen werden nachgezahlt“, so der Geschäftsführer. Die Begutachtung der Pflegebedürftigkeit ist ab 2017 aber auch umfassender geworden und dauert länger – ein weiterer Grund für längere Wartezeiten.

Neues Punktesystem

Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen werden für sechs Lebensbereiche bewertet: 1. Mobilität, 2. Gedächtnis und kommunikative Fähigkeiten, 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, 4. Selbstversorgung, 5. Bewältigung von Krankheit sowie 6. Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte. Jeder Bereich ist in Kriterien unterteilt, die einzeln bewertet werden. Die Höhe der Punkte orientiert sich daran, wie sehr die Selbstständigkeit eingeschränkt ist. Grundsätzlich gilt: Je schwerwiegender die Beeinträchtigung ist, desto höher die Punktzahl und der Pflegegrad.

Peter Pick zufolge wurden 84 Prozent der Anträge auf Pflegebedürftigkeit, die nach dem neuen Bewertungsmaßstab beurteilt wurden, genehmigt. Nach dem früheren Verfahren, das bis Ende 2016 angewendet wurde, lag die Anerkennungsquote bei 75 Prozent. „Das neue Gesetz wirkt“, sagt er. Und nicht nur für neue Antragsteller: Auch Pflegebedürftige, die bereits 2016 Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten haben, wurden auf die neuen Pflegegrade umgestellt – meist automatisch, ohne erneute Begutachtung. Bis auf wenige Ausnahmen kamen ab 2017 alle in einen höheren Pflegegrad.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), will die längeren Wartezeiten auf eine Pflegebegutachtung nicht tolerieren: „Die Medizinischen Dienste müssen hier offenbar mehr Tempo machen und sich mehr anstrengen“, sagte er kürzlich vor Pflegeverbänden. Im Großen und Ganzen laufe die Umstellung aber sehr gut. „Ganz wichtig war und ist, dass alle Pflegebedürftigen, die zuvor schon Leistungen der Pflegeversicherung bezogen haben, einen Bestandsschutz bei den pflegerischen Leistungen erhalten haben“, so Laumann. Doch Leserzuschriften an die SZ zeigen, dass das für viele Pflegebedürftige nicht zutrifft. Sie müssen ab 2017 mehr zahlen.

Quelle: sz-online.de
Autor: Stephanie Wesely
Bild: dpa