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Kampf mit Krankenkasse 22.000 Euro fürs Überleben!

Markus Bauer stürzte vom Dach. Seit dem Unfall vor vier Jahren kann er sich nicht mehr bewegen und droht zu ersticken, wenn niemand bei ihm ist. Trotzdem hat die Krankenkasse seit Januar die Zahlungen für eine Intensivpflege eingestellt. Seitdem berappt die Familie monatlich 22.000 Euro – weil sie sonst fürchtet, dass der 43-Jährige stirbt.

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Bevor es zu dem folgenschweren Unfall kommt, läuft es bei Markus Bauer gerade richtig gut. Er arbeitet als Schichtmeister in einem Wackersdorfer Betrieb und betreibt eine Spenglerei im Nebenerwerb. „Er war ein ganz fleißiger Mann“, versichert seine Mama Veronika Bauer (65). Etliche gerahmte Bilder zieren ihr Esszimmer. Familienfotos, auf denen Markus als gesunder Mann zu sehen ist. Veronika holt ein Album hervor. Auch Markus‘ hübsche Freundin ist darauf zu sehen, mit der er vor dem Unfall liiert war. Für sie und sich baut der damals 39-Jährige ein Häuschen auf dem Anwesen der Eltern. Er streicht die Wände, kauft Möbel. Als alles so weit eingerichtet ist, stürzt Markus Bauer am 8. April 2013 von einem Dach aus zehn Metern Höhe.

Der selbstständige Spengler erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Die Ärzte müssen einen Luftröhrenschnitt vornehmen. Es folgen zwei Jahre im Krankenhaus und auf Rehabilitation. Im Februar 2015 kommt er nach Hause. Markus Bauer kann nicht sprechen und sich nicht bewegen. Eine spastische Lähmung sorgt dafür, dass ein Bein immer angewinkelt bleibt und nicht ausgestreckt werden kann. Das andere Bein ist ausgestreckt und kann nicht angewinkelt werden. Die Lähmung hält seine Hände immer in der gleichen Position auf Brusthöhe. Die Krankenkasse genehmigt schließlich eine Intensivpflege für den Heselbacher (Gemeinde Wackersdorf, Kreis Schwandorf). Seine Schwester und Betreuerin Silvia Bauer (35) sagt dazu: „Es hat alles wunderbar funktioniert. Wir hatten eine 24-Stunden-Pflege im Haus mit gelernten Krankenschwestern.“

Job für Bruder aufgegeben

 

Im Oktober 2016 bekommt Silvia Bauer ein Schreiben von der AOK, in dem die Krankenkasse ankündigt, die Zahlungen für die Intensivpflege in zwei Wochen einzustellen. Die AOK begründet es laut Silvia Bauer damit, dass sich der Gesundheitszustand von Markus erheblich verbessert habe. „Es hat sich überhaupt nichts verbessert. Im Gegenteil, es hat sich alles verschlechtert“, empört sich die 35-Jährige. Seit Markus zu Hause gepflegt wird, habe er über 20 Mal ins Krankenhaus gemusst – zu 95 Prozent, weil er aspiriert, also sich gefährlich verschluckt, und sich dabei teils massive Lungenentzündungen zuzieht. Markus musste mehrmals an der Lunge operiert werden. „Manchmal haben wir gedacht, er überlebt es nicht.“

Markus Bauer muss auch ständig mit Sauerstoff versorgt werden. „Außerdem bricht er laufend“, sagt Silvia Bauer. Sie zeigt ein Video, mit dem sie so eine lebensgefährliche Situation festgehalten hat. „Wenn da niemand da ist, erstickt er und stirbt.“ Deshalb ist für die Schwester das Verhalten der Krankenkasse unerklärlich. Auf das Schreiben im Oktober reagiert sie mit einem Gang zum Anwalt. Vor dem Sozialgericht bekommt sie recht. Weil eine Genehmigung für eine Intensivpflege bis 31. Dezember vorliegt, muss die AOK weiterzahlen. Im Januar dreht die Krankenkasse allerdings den Geldhahn zu. Seitdem greift die Familie tief in die Tasche. Monatlich zahlt sie 22 000 Euro, damit 24 Stunden am Tag eine Pflegedienst-Mitarbeiterin bei Markus ist.

Für Silvia Bauer ist es wichtig, dass eine qualifizierte Kraft ihren Bruder betreut. Sie relativiert aber: „Ich will ja nicht mal eine Krankenschwester mit einer intensivmedizinischen Ausbildung, mir reicht eine normale. Ich brauche einfach jemanden, der sich im medizinischen Bereich auskennt.“ Ihr Bruder müsse acht- bis zehnmal täglich der Speichel abgesaugt werden. Hinzu kommt: „Markus geht es jetzt gut, und in zehn Minuten bricht das ganze System zusammen: Er kriegt keine Luft mehr, fängt das Brechen an, braucht bis zu sechs, sieben Liter Sauerstoff. Da ist jemand, der sich nicht auskennt, überfordert.“

Wieder vors Sozialgericht

 

Selbst kann die Familie es nicht leisten, rund um die Uhr für den heute 43-jährigen Markus da zu sein. Wenngleich sie viel Zeit und Liebe investieren. Papa Josef hilft trotz seiner 77 Jahre jeden Morgen beim Waschen, was zwei bis drei Stunden in Anspruch nimmt. Schwester Silvia hat ihren Job aufgegeben. Nach dem Erziehungsurlaub – ihre Tochter ist vier Jahre alt – hat sie sich entschieden, nicht mehr ins Büro zurückzukehren. Um für ihren Bruder da zu sein. Zwar hätte die Schwester die Möglichkeit, Markus in eine Pflegeeinrichtung zu geben. Aber das kommt für sie nicht in Frage, weil dann nicht 24 Stunden am Tag jemand bei dem 43-Jährigen ist. Mama Veronika drückt es dramatischer aus: „Da wäre er schon lange gestorben.“

Deshalb nimmt die Familie die enorme finanzielle Belastung auf sich. Silvia Bauer sagt: „Man kann das über eine kurze Zeit stemmen. Es werden alle Reserven aufgebraucht. Aber auf die Dauer ist das nicht möglich. Wir wissen nicht, wie wir das ganze dann letztendlich machen sollen.“ Die 35-Jährige zieht deshalb wieder vor das Sozialgericht. „Ich hoffe, dass es bald eine Gerichtsverhandlung gibt und es zu unseren Gunsten ausfällt, weil sonst weiß ich nicht, was wir machen sollen.“