Beitrag der Kategorie News aus der Pflege

Dilemma: Westsachsen schätzen Kosten für Pflege falsch ein

Ambulant vor stationär, so die Devise im Freistaat. Doch dort wünschten sich Pfleger mehr Zeit für die Erledigung ihrer Aufgaben. Vertreter von Pflegediensten schütteten der Sozial- ministerin in Reinsdorf ihr Herz aus. Wer am Tisch fehlte, waren die Kassen.

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Zwickau. Zu wenig Zeit, zu wenig Fachkräfte, zu wenig Aufklärung in der Bevölkerung darüber, dass die Pflegeversicherung längst nicht alles abdeckt, was ein Kranker benötigt: Vertreter von ambulanten Pflegediensten und aus Heimen klagten am Montagabend Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) ihr Leid. Rund 20 Frauen und Männer waren der Einladung von Landtagsabgeordneter Kerstin Nicolaus (CDU), die Mitglied der Enquetekommission „Pflege“ des Landtags ist, ins Reinsdorfer „Forsthaus“ gefolgt. Sie diskutierten angeregt über die aktuelle Situation und die Herausforderungen der Zukunft.

Nicolaus zufolge sind die gewaltig: „Ein 2017 geborenes Mädchen hat eine Lebenserwartung von 100 Jahren.“ Vietnamesische Pflegekräfte werden mehr und mehr zum Alltag gehören, prophezeite sie.

Klepsch zufolge gab es im Vorjahr zahlreiche Gesprächsrunden zum Thema „Leben im Alter“ mit Bürgern. Ergebnis: Fast alle wollten so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Aktuell werde überlegt, Anreize für Vermieter zu schaffen, Wohnungen altersgerecht umzubauen. Aktuell gebe es 1200 Alltagsbegleiter und 850 Nachbarschaftshelfer – freilich alles Ehrenamtler. An Hauptamtlichen fehlt es, weiß Klepsch. Und das, obwohl im Freistaat über den Bedarf hinaus ausgebildet werde. Die, die ausgebildet werden, kommen aber nicht an. In anderen Bundesländern bezahlt man offenbar besser. Klepsch zufolge habe man versucht gegenzusteuern, mit der Initiative „Pro Pflege Sachsen“. Darin konnte das Ministerium Partner vereinen, die bereit sind, Tarif zu zahlen. Allerdings, schränkte sie ein, habe der Verband der privaten Pflegeanbieter das Papier nicht unterzeichnet.

Vertreter von Pflegediensten erklärten, liebend gern Tarif zahlen zu wollen. Nur müssten sie das 2,3-Fache dafür einnehmen, um die Firma nicht in die roten Zahlen zu treiben. „Jeder Pflegedienst, der ordentlich arbeitet, ist eigentlich pleite,“ meinte die Geschäftsführerin eines Pflegedienstes in Zwickau. Mehrere Kenner forderten die Politiker auf, den Druck auf die Pflegekassen zu erhöhen. Die Pflegedienste müssen mit den Kassen regelmäßig über anfallende Kosten verhandeln, das aber gestalte sich mehr als zäh. Und nicht nur den Kassen, sondern auch der Bevölkerung müsse klar gemacht werden: Pflege kostet.

Nicolaus zufolge herrscht noch immer eine beängstigende Sorg- losigkeit in der Bevölkerung. „Viele haben die Kosten für die Pflege nicht auf dem Schirm, vor allem Selbstständige nicht. Nach jetzigem Stand ist die Pflegeversicherung nur eine Teilkasko.“

Mit 13 Pflegekoordinatoren – in jedem Landkreis und jeder kreis- freien Stadt einer – versucht das Land, Ansprechpartner vor Ort zu schaffen. Einige Pflegedienstvertreter hörten davon zum ersten Mal, gaben aber ihrer Hoffnung Ausdruck, dass der Koordinator ambulante und stationäre Pflege besser miteinander vernetze.

Eine Pflegedienstleiterin erklärte, dass es ihr gelungen ist, eine Heil- erziehungspflegerin anzustellen. Doch die dürfe sie nur zum Mindestlohn beschäftigen, weil sie keine Altenpflegerin ist. Ein Kollege berichtete, dass die Fahrt der Schwester zum Arzt, um noch ein Rezept für den Patienten abzuholen, nicht bezahlt wird, und auch nur drei Stunden Weiterbildung im Monat anerkannt werden. Und wer zeitgleich Insulin spritze und Kompressionsstrumpf anziehe, bekomme nur eine Tätigkeit angerechnet.

Komplett unangemessen vergütet werde die Arbeit in Heimen mit Patienten, die multiresistente Keime in sich tragen, kritisierte ein Heimleiter. Da investiere man viel mehr Zeit als bei anderen Patienten, bekomme aber keine angemessene Vergütung dafür. „Die meisten lehnen solche Patienten von vornherein ab“, warnte er. Unterkunft, Miete, Verpflegung – das sollte der Pflegebedürftige selbst zahlen. Aber was ureigene Pflege ist, das muss die Kasse einspringen, forderte er. Eine Kollegin berichtete, dass es nicht nur an Fach- und Hilfskräften sowie Hauswirtschaftern, sondern auch an Köchen mangelt. All diese würden gar nicht unbedingt ab in andere Bundesländer wandern, sondern in andere Ecken in Sachsen.

Selbst Angelika Hölzel, Beigeordnete des Landrats, sparte nicht mit Kritik. Das System sei viel zu bürokratisch. Es müsse für Träger und Angehörige, die ja meist selbst noch arbeiten gehen, einfacher werden. Zudem sieht sie die Arbeit des medizinischen Dienstes, der die Einstufungen vornimmt, kritisch. Ministerin Klepsch machte sich Notizen, will sensibilisieren und die Öffentlichkeit mehr informieren. In den nächsten Wochen werde ein neues Pflege-Portal freigeschaltet, auf dem man sich besser zurecht finden soll.

Quelle: freiePresse
Autor: Ute Pasler
Foto: imago/Jochen Tack